Auch die Alliierten setzten im Krieg Mittel ein, die kritisch aufgearbeitet werden, etwa den Bombenkrieg gegen deutsche Städte, und die Verbrechen des Stalinismus sind unbestritten. Das relativiert aber nicht den fabrikmäßig organisierten Völkermord der Nationalsozialisten an sechs Millionen Juden und weiteren Millionen Menschen. Der industrielle, planvolle Massenmord an ganzen Bevölkerungsgruppen hat in dieser Form keine Entsprechung. Der Hinweis auf andere Verbrechen dient hier vor allem dem Ablenken vom eigentlichen Thema.
Eigengruppenbevorzugung (soziale Identitaetstheorie)
Indem Verbrechen der Alliierten und des Stalinismus neben den Holocaust gestellt werden, wird nicht die einzelne Tat gepruedigt, sondern der relative Abstand zwischen der eigenen historischen Gruppe und den Vergleichsgruppen verkleinert. Diese Strategie, die eigene Gruppe durch Herabstufung der anderen relativ besser aussehen zu lassen, folgt derselben Logik wie im Minimal-Group-Paradigma und lenkt vom fabrikmaessig organisierten, industriellen Massenmord des Holocaust ab, der sich von Kriegsverbrechen und Straflagern in Zielsetzung und Systematik unterscheidet.
Nach der sozialen Identitaetstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen Menschen einen Teil ihres Selbstwertgefuehls aus der Zugehoerigkeit zu Gruppen. Schon die blosse Einteilung in eine Eigengruppe und eine Fremdgruppe reicht aus, damit Mitglieder die eigene Gruppe bevorzugen und positiver bewerten, auch wenn die Gruppenzugehoerigkeit voellig willkuerlich zustande kam. Tajfels Experimente mit dem sogenannten Minimal-Group-Paradigma zeigten, dass Versuchspersonen ihrer Eigengruppe selbst dann mehr Punkte zuteilten, wenn dies der eigenen Gruppe insgesamt schadete, solange der Abstand zur Fremdgruppe dadurch groesser wurde. Dieser Mechanismus macht Aussagen, die die eigene Gruppe aufwerten oder eine Fremdgruppe abwerten, besonders leicht annehmbar, unabhaengig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Beleg zu diesem Mechanismus: