Die DDR war eine Diktatur unter Führung der SED. Ihr Ministerium für Staatssicherheit beschäftigte 1989 rund 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter und führte etwa 180.000 inoffizielle Mitarbeiter, zusammen ermöglichten sie eine flächendeckende Überwachung der eigenen Bevölkerung. An der rund 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer galt ein Schießbefehl: Grenzsoldaten waren angewiesen, Flüchtende notfalls mit der Waffe zu stoppen, die Anlagen wurden mit Selbstschussanlagen, Minen und Wachtürmen zum sogenannten Todesstreifen ausgebaut. Das Bundesarchiv, das seit 2021 auch die frühere Stasi-Unterlagen-Behörde umfasst, dokumentiert mindestens 140 Todesopfer an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989, weitere Tote sind an der gesamten innerdeutschen Grenze belegt. Reisen in den Westen war den meisten DDR-Bürgern verwehrt, wer abweichende politische Ansichten öffentlich vertrat, riskierte berufliche Nachteile oder Haft. Zugleich erlebten viele Menschen den DDR-Alltag real mit Vollbeschäftigung, garantierter Kinderbetreuung und sozialer Grundsicherung; das stellt diese Erfahrung nicht infrage, macht die Diktatur mit ihrer Überwachung, dem tödlichen Grenzregime und den dokumentierten Todesopfern aber nicht zu einem im Kern besseren oder friedlicheren Staat.
Gerechte-Welt-Hypothese
Wer die Grenztoten anerkennt, muss akzeptieren, dass Menschen ohne eigene Schuld erschossen wurden, allein weil sie reisen wollten, ein Gedanke, der dem Bedürfnis nach einer im Kern gerechten und geordneten Welt widerspricht. Nach Lerners Forschung neigen Beobachter in solchen Fällen dazu, den Opfern eine Mitschuld zuzuschreiben oder die Härte der Maßnahme als notwendige Reaktion auf Regelverstöße umzudeuten, statt das Unrecht als das zu benennen, was es war. Dieselbe Schutzfunktion wirkt bei der Erinnerung an den DDR-Alltag insgesamt: Vollbeschäftigung und soziale Sicherheit werden leichter als Beleg für eine grundsätzlich faire Ordnung erinnert, wenn Überwachung und tödliches Grenzregime dabei ausgeblendet oder als gerechtfertigt eingeordnet werden.
Die Gerechte-Welt-Hypothese beschreibt das psychologische Grundbedürfnis vieler Menschen, an eine im Kern faire und geordnete Welt zu glauben, in der jeder am Ende bekommt, was er verdient. Der Psychologe Melvin Lerner zeigte in Experimenten, dass Beobachter unschuldige Opfer von Leid eher abwerten oder ihnen eine Mitschuld zuschreiben, statt zu akzeptieren, dass Unrecht ohne erkennbaren Grund geschieht. Diese Umdeutung schützt die eigene Überzeugung, die Welt sei vorhersehbar und kontrollierbar. Der Mechanismus macht Menschen anfällig für Erklärungen, die Leid, Krisen oder Ungleichheit einer verborgenen Ordnung oder Schuld zuschreiben, statt Zufall oder struktureller Komplexität.
Beleg zu diesem Mechanismus: