Die 2004 von der Stadt Dresden unabhängig von Politik und Verwaltung eingesetzte Historikerkommission kam 2010 nach Auswertung von Bestattungsunterlagen, Standesamtsakten und rund 60.000 Einzeldatensätzen zu dem Ergebnis: höchstens 25.000 Tote. Diese Zahl ist keine nachträgliche Verharmlosung, sie deckt sich mit der allerersten Schätzung. Die echte, erst 1965 wiederentdeckte Polizeimeldung Tagesbefehl Nr. 47 vom März 1945 nannte bereits rund 20.000 geborgene und 25.000 erwartete Tote. Gelogen wurde in die andere Richtung: Das nationalsozialistische Auswärtige Amt wies seine Gesandtschaften noch im März 1945 an, zu Propagandazwecken 200.000 Tote zu verbreiten, vermutlich gestützt auf eine gefälschte Fassung derselben Meldung mit einer zusätzlich angehängten Null. In der DDR kursierten später 35.000, seit den 1990er-Jahren agitieren Rechtsextreme mit Zahlen bis zu einer halben Million. Wer bei der Opferzahl eine Lüge sucht, wird eher bei diesen späteren Übertreibungen fündig als bei der ursprünglichen Zahl von 25.000.
Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit
Die Formulierung 'alles andere ist eine Lüge' verlangt eine einzige, endgültige Zahl und wertet die tatsächliche wissenschaftliche Bandbreite, über Jahre aus Bestattungsunterlagen und Zeitzeugenberichten rekonstruiert, als Unehrlichkeit statt als normale historische Sorgfalt. Dieses Bedürfnis nach einer eindeutigen, nicht mehr verhandelbaren Antwort blendet zugleich aus, dass es in der Geschichte dieser Opferzahl mehrere tatsächliche, politisch motivierte Falschangaben gab, von der NS-Propaganda über die DDR-Zahl bis zu heutigen rechtsextremen Übertreibungen, während die ursprüngliche Zahl von 1945 der heutigen Forschung am nächsten kam.
Manche Menschen empfinden Unsicherheit und Mehrdeutigkeit als besonders unangenehm und streben deshalb danach, möglichst rasch zu einer eindeutigen Antwort auf eine Frage zu gelangen und diese danach beizubehalten. Dieses Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit setzt sich aus zwei Tendenzen zusammen, dem Drang, schnell ein Urteil zu fällen (urgency), und dem Bestreben, ein einmal gefasstes Urteil gegen neue, widersprüchliche Informationen zu verteidigen (permanence). Ist das Bedürfnis nach Geschlossenheit hoch ausgeprägt, sinkt die Bereitschaft, alternative Erklärungen zu prüfen, während einfache, in sich geschlossene Erklärungen an Attraktivität gewinnen. Das Konzept geht maßgeblich auf Arie Kruglanski zurück und gilt als individuelle Eigenschaft, die zugleich situativ verstärkt werden kann, etwa unter Zeitdruck oder in unsicheren Lagen.