Regierungskritiker werden heute verfolgt wie im Dritten Reich, ich fühle mich wie Sophie Scholl
Der Vergleich der heutigen Demokratie mit der NS-Diktatur verharmlost die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sophie Scholl wurde 1943 für Flugblätter gegen das Regime hingerichtet, heutige Kritiker können dagegen frei demonstrieren, publizieren und klagen. Im Grundgesetz sind Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit garantiert und einklagbar. Wer öffentlich Widerstand behauptet und dabei ungehindert auftritt, widerlegt die eigene Behauptung der Verfolgung.
Kollektiver Narzissmus
Wer unter vollem Schutz von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit oeffentlich Kritik aeussert oder gesellschaftlichen Widerspruch erfaehrt, deutet das als Verfolgung auf dem Niveau einer 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilten Widerstandskaempferin. Diese Selbststilisierung zur Maertyrerin oder zum Maertyrer folgt dem Muster des kollektiven Narzissmus, wonach schon kleinere Kritik oder ausbleibende Zustimmung als feindlicher Angriff auf die eigene, als besonders und zu Unrecht verkannt empfundene Gruppe gedeutet wird, obwohl die tatsaechliche Lage mit Sophie Scholls Schicksal in keiner Weise vergleichbar ist.
Kollektiver Narzissmus, ein Konzept der Sozialpsychologin Agnieszka Golec de Zavala, beschreibt eine emotionale Investition in die unrealistische Ueberzeugung, die eigene Gruppe sei aussergewoehnlich und verdiene besondere Anerkennung, die ihr von aussen jedoch verweigert wird. Anders als ein gesundes, stabiles Gruppenselbstwertgefuehl geht kollektiver Narzissmus mit staendiger Wachsamkeit gegenueber vermeintlichen Kraenkungen und Bedrohungen der Gruppe einher. Empirisch sagt kollektiver Narzissmus, nicht aber individueller Narzissmus, Aggression gegenueber Fremdgruppen voraus, vermittelt ueber wahrgenommene Bedrohung von aussen und wahrgenommene Beleidigung der Eigengruppe. Dadurch werden selbst kleinere Kritik oder ausbleibende Anerkennung leicht als feindlicher Angriff gedeutet, was die Bereitschaft erhoeht, kompromisslose oder aggressive Erklaerungen und Reaktionen zu akzeptieren.