Die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden nicht nur von einer kleinen Gruppe der SS begangen. Die Geschichtswissenschaft belegt, dass auch die Wehrmacht an Kriegsverbrechen und am Völkermord beteiligt war und breite Teile der Bevölkerung mitwussten, profitierten oder wegschauten. Dass der eigene Großvater angeblich nichts wusste, ist ein verbreitetes Muster familiärer Schuldabwehr. Individuelle Rollen waren unterschiedlich, eine pauschale Unschuld der Kriegsgeneration gab es aber nicht.
Motiviertes Schlussfolgern
Die eigene Familienidentitaet steht auf dem Spiel, wenn der Grossvater zur Wehrmacht gehoerte, deshalb wird die Verantwortung auf eine kleine, klar abgegrenzte Taetergruppe wie die SS verschoben. Diese familiaere Schuldabwehr ist identitaetsschuetzende Kognition: Belege zur Beteiligung auch regulaerer Wehrmachtseinheiten an Kriegsverbrechen werden eher verdraengt oder angezweifelt als angenommen, weil sie das positive Bild des eigenen Angehoerigen bedrohen.
Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.