Politische Freiheit für alle sah anders aus: Das Sozialistengesetz verbot von 1878 bis 1890 zwölf Jahre lang sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und rund 1300 Druckschriften und traf damit die größte entstehende Arbeiterbewegung des Landes, obwohl deren Stimmenzahl im selben Zeitraum von etwa 312.000 auf 1,4 Millionen wuchs. In Preußen, dem mit weitem Abstand größten und einflussreichsten Gliedstaat, entschied bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht die Landtagswahlen nach gezahlten Steuern: 1850 verfügte die reichste, rund 5 Prozent umfassende erste Klasse über denselben Stimmanteil wie die ärmsten rund 83 Prozent der Wähler zusammen. Von Wohlstand für alle konnte ebenso wenig die Rede sein: Die deutsche Kolonialverwaltung verübte 1904 bis 1908 im heutigen Namibia Gräueltaten an den Herero und Nama, die die Bundesregierung 2021 offiziell als Völkermord anerkannte. Rasantes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig verbotener Opposition, grob ungleichem Wahlrecht und kolonialer Gewalt lässt sich nicht auf die Formel Wohlstand und Freiheit verkürzen.
Motiviertes Schlussfolgern
Die Erzählung von einer glanzvollen Kaiserzeit speist sich vor allem aus sichtbaren, stolz vermittelten Aspekten wie Reichsgründung, Industrialisierung und internationalem Ansehen. Wer diese Zeit als Beleg nationaler Größe schätzt, blendet dabei Fakten aus, die dieses positive Bild gefährden würden, etwa das jahrzehntelange Verbot der größten Oppositionsbewegung, das grob ungleiche Wahlrecht im mächtigsten Gliedstaat oder die koloniale Gewalt, weil deren Anerkennung die eigene, identitätsstiftende Erzählung einer guten alten Zeit beschädigen würde.
Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.