Der Holocaust ist eines der am besten dokumentierten Verbrechen der Geschichte. Die Ermordung von etwa sechs Millionen Juden ist durch Akten der Täter, Deportationslisten, Lagerunterlagen, Aussagen von Überlebenden und Tätern sowie durch die Nachkriegsprozesse belegt. Die Zahlen beruhen auf jahrzehntelanger Forschung und sind nicht erfunden. Das Leugnen oder Verharmlosen des Holocaust ist in Deutschland als Volksverhetzung strafbar.
Motiviertes Schlussfolgern
Wer ein verharmlosendes Bild des Nationalsozialismus mit der eigenen weltanschaulichen oder politischen Identitaet verknuepft, empfindet das vollstaendige Ausmass des Holocaust als Angriff auf diese Identitaet. Die Leugnung oder Verharmlosung der Opferzahlen schuetzt deshalb weniger eine beliebige Vorueberzeugung als die eigene ideologische Zugehoerigkeit: Taeterakten, Deportationslisten, Gedenkbucheintraege und die Gestaendnisse verurteilter Taeter aus den Nuernberger Prozessen und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess werden pauschal als Faelschung abgetan, waehrend laengst widerlegte Einzelmeinungen bereitwillig uebernommen werden.
Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.