Diesen Vorwurf hat der Internationale Gerichtshof geprüft, weil die Ukraine ihn prüfen ließ. Das Gericht sah in seiner Anordnung vom 16. März 2022 keine Grundlage dafür und hielt fest, die Ukraine habe ein plausibles Recht darauf, nicht aufgrund unbegründeter Völkermordvorwürfe militärisch angegriffen zu werden. Es ordnete an, Russland habe die Militäroperation unverzüglich einzustellen. Die UN-Generalversammlung verurteilte den Einmarsch am 2. März 2022 als Aggression. Wer einen Völkermord beenden will, ruft üblicherweise selbst ein Gericht an, statt vor einem zu verlieren.
Eigengruppenbevorzugung (soziale Identitaetstheorie)
Die Parole stilisiert russischsprachige Bewohner des Donbas zu einer bedrohten Eigengruppe und die Ukraine zur Fremdgruppe, die dieser angeblich einen Genozid zufügt. Aussagen, die auf diese Weise die eigene Gruppe als schutzbedürftig aufwerten und die Fremdgruppe eines schweren Verbrechens bezichtigen, werden dadurch besonders leicht angenommen, unabhängig vom tatsächlichen Beleg. Der Internationale Gerichtshof fand im März 2022 keine tragfähige Grundlage für genau diesen Genozidvorwurf.
Nach der sozialen Identitaetstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen Menschen einen Teil ihres Selbstwertgefuehls aus der Zugehoerigkeit zu Gruppen. Schon die blosse Einteilung in eine Eigengruppe und eine Fremdgruppe reicht aus, damit Mitglieder die eigene Gruppe bevorzugen und positiver bewerten, auch wenn die Gruppenzugehoerigkeit voellig willkuerlich zustande kam. Tajfels Experimente mit dem sogenannten Minimal-Group-Paradigma zeigten, dass Versuchspersonen ihrer Eigengruppe selbst dann mehr Punkte zuteilten, wenn dies der eigenen Gruppe insgesamt schadete, solange der Abstand zur Fremdgruppe dadurch groesser wurde. Dieser Mechanismus macht Aussagen, die die eigene Gruppe aufwerten oder eine Fremdgruppe abwerten, besonders leicht annehmbar, unabhaengig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Beleg zu diesem Mechanismus: