Stammtischbingo
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Parole

Nur Blutsdeutsche sind echte Deutsche, Passdeutsche bleiben Ausländer

Fakt

Das Grundgesetz und das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht kennen keine Unterscheidung zwischen verschiedenen Klassen von Deutschen. Nach Artikel 116 Absatz 1 des Grundgesetzes ist Deutscher, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, gleich ob durch Geburt, Abstammung oder Einbürgerung erworben; alle damit verbundenen Rechte sind identisch, und Artikel 3 Absatz 3 verbietet ausdrücklich eine Benachteiligung wegen der Abstammung. Der Begriff Blutsdeutsche und die Vorstellung, echtes Deutschsein hänge von der Abstammung ab, stammen aus der NS-Rassenideologie: Das Reichsbürgergesetz von 1935 teilte die Bevölkerung in vollberechtigte Reichsbürger deutschen oder artverwandten Blutes und bloße Staatsangehörige ohne politische Rechte, worunter vor allem jüdische Deutsche fielen. Diese zweistufige Konstruktion wurde mit dem Grundgesetz von 1949 nicht übernommen. Der abwertende Begriff Passdeutsche wird heute unter anderem von der AfD verwendet, um eingebürgerten Menschen oder Deutschen mit Migrationsgeschichte trotz gültiger Staatsangehörigkeit die Zugehörigkeit abzusprechen; das Denkmuster gilt in der Forschung als völkischer Nationalismus, wie er auch der Reichsbürgerbewegung nahesteht, die die Legitimität des heutigen deutschen Staates grundsätzlich bestreitet.

Psychologischer Hintergrund

Eigengruppenbevorzugung (soziale Identitaetstheorie)

Die Erzählung wertet die eigene Abstammungsgruppe automatisch auf und stuft Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Einbürgerungsgeschichte ab, obwohl beide rechtlich vollständig gleichgestellt sind. Diese Aufwertung verschafft ein Gefühl exklusiver, unverdienter Zugehörigkeit, das an Herkunft statt an Verhalten oder Leistung hängt. Der Mechanismus knüpft an dieselbe Logik an, die im Nationalsozialismus zur rechtlichen Entrechtung diente, und tritt heute als scheinbar harmlose Unterscheidung zwischen „echten" und Passdeutschen auf.

Nach der sozialen Identitaetstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen Menschen einen Teil ihres Selbstwertgefuehls aus der Zugehoerigkeit zu Gruppen. Schon die blosse Einteilung in eine Eigengruppe und eine Fremdgruppe reicht aus, damit Mitglieder die eigene Gruppe bevorzugen und positiver bewerten, auch wenn die Gruppenzugehoerigkeit voellig willkuerlich zustande kam. Tajfels Experimente mit dem sogenannten Minimal-Group-Paradigma zeigten, dass Versuchspersonen ihrer Eigengruppe selbst dann mehr Punkte zuteilten, wenn dies der eigenen Gruppe insgesamt schadete, solange der Abstand zur Fremdgruppe dadurch groesser wurde. Dieser Mechanismus macht Aussagen, die die eigene Gruppe aufwerten oder eine Fremdgruppe abwerten, besonders leicht annehmbar, unabhaengig von ihrem Wahrheitsgehalt.