Die Vorstellung, eine kleine Gruppe wie die Familie Rothschild oder anonyme Globalisten lenke heimlich Politik, Wirtschaft und Migration, ist ein klassischer antisemitischer Verschwörungsmythos. Er überträgt das alte Bild vom angeblich allmächtigen Juden in scheinbar harmlose Codewörter, um die Strafbarkeit zu umgehen. Wirtschaftliche und politische Macht verteilt sich weltweit auf viele Staaten, Märkte und Institutionen, nicht auf eine Familie. Solche Erzählungen dienen vor allem der Suche nach einem Sündenbock. Das Wort Globalisten ist dabei kein Zufall. Es gehört zu einem dokumentierten Bestand von Kürzeln und Bildern, mit denen dieselbe alte Erzählung weitergegeben wird, ohne sie beim Namen zu nennen.
Illusorische Musterwahrnehmung (Apophänie)
Die Behauptung verknüpft eine einzelne Bankiersfamilie mit diffusen, namenlosen Globalisten zu einem einzigen, absichtsvoll handelnden Akteur hinter Politik, Wirtschaft und Migration, obwohl diese Bereiche tatsächlich von einer Vielzahl unabhängiger Akteure ohne erkennbare Koordination bestimmt werden. Das Bild der Strippenzieher im Hintergrund ist die sprachliche Form eines Musters, das in tatsächlich unverbundene Ereignisse aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen hineingelesen wird.
Menschen neigen dazu, in zufälligen oder unzusammenhängenden Informationen bedeutungsvolle Muster und Zusammenhänge zu erkennen, auch wenn keine existieren. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz, wenn Menschen das Gefühl von Kontrolle über ihre Lebenssituation verlieren. Kontrollverlust erhöht nachweislich die Neigung, Bilder in Zufallsrauschen zu sehen, Verschwörungen zu vermuten oder Aberglauben zu entwickeln. Der Mechanismus dient dabei offenbar dazu, ein Gefühl von Ordnung und Vorhersagbarkeit wiederherzustellen.