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Parole

Die Lügenpresse berichtet grundsätzlich nicht die Wahrheit

Fakt

Der Begriff "Lügenpresse" stammt aus der völkischen und nationalsozialistischen Propaganda: Dort wurde er, oft gleichbedeutend mit "Judenpresse", antisemitisch verwendet, um Jüdinnen und Juden pauschal zu unterstellen, die Presse zu beherrschen und mit angeblicher Propaganda eine "jüdische Weltherrschaft" anzustreben. Seit den Pegida-Demonstrationen ab 2014 und später den Corona-Protesten wurde der Kampfbegriff wiederbelebt und ist seither in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen gebräuchlich; 2014 wählte ihn eine Jury zum "Unwort des Jahres". Einzelne Fehler im Journalismus gibt es tatsächlich und sie sind zu benennen: Der Pressekodex verpflichtet Redaktionen in Ziffer 2 zu sorgfältiger Recherche und in Ziffer 3 zu unverzüglicher Richtigstellung, und der Deutsche Presserat prüft Beschwerden öffentlich. 2025 gingen beim Presserat 2.636 Beschwerden ein, er sprach 102 Rügen aus, so viele wie nie zuvor in seiner Geschichte. Ein Verfahren, das Verstöße dokumentiert, veröffentlicht und sanktioniert, ist das Gegenteil einer Presse, die "grundsätzlich" lügt: Es zeigt eine funktionierende Fehlerkultur statt eines geheimen, koordinierten Täuschungssystems, das zudem kaum mit der Vielzahl konkurrierender, redaktionell unabhängiger Medienhäuser in Deutschland vereinbar wäre.

Psychologischer Hintergrund

Motiviertes Schlussfolgern

Die pauschale Abwertung als "Lügenpresse" erlaubt es, jede einzelne unliebsame Berichterstattung unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt zurückzuweisen, weil schon die Quelle als grundsätzlich unglaubwürdig gilt. So muss kein Einzelbericht mehr inhaltlich geprüft werden, und eine gruppenbezogene Weltsicht bleibt vor widersprechenden Fakten geschützt. Wer die Ablehnung "der Presse" als Ganzes mit der Zugehörigkeit zu einer politischen Gruppe verknüpft, wertet Gegenbelege eher pauschal ab, statt sie einzeln zu prüfen.

Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.