Die Krim war historisch kein durchgehend russisches Gebiet: Bis zur Annexion durch das Zarenreich 1783 war sie Kernland des überwiegend von Krimtataren bewohnten Krim-Khanats. 1954 übertrug die sowjetische Führung unter Nikita Chruschtschow die Halbinsel von der Russischen SSR an die Ukrainische SSR, und nach der ukrainischen Unabhängigkeit 1991 gehörte sie zum international anerkannten Staatsgebiet der Ukraine, dessen Grenzen Russland im Budapester Memorandum von 1994 als Gegenleistung für den ukrainischen Verzicht auf Atomwaffen selbst anerkannt und garantiert hatte. Das „Referendum" vom 16. März 2014 fand unter der Kontrolle russischer Streitkräfte statt, ohne unabhängige internationale Wahlbeobachtung, und endete mit einem amtlich verkündeten, nicht überprüfbaren Ergebnis von rund 97 Prozent Zustimmung bei rund 83 Prozent Beteiligung. Die Venedig-Kommission des Europarats stufte die Abstimmung als verfassungswidrig ein, weil das ukrainische Verfassungsrecht ein Sezessionsreferendum einzelner Landesteile nicht zulässt und ihr keine Verhandlungen zwischen den Beteiligten vorausgingen. Die UN-Generalversammlung erklärte das Referendum in Resolution 68/262 vom 27. März 2014 für ungültig und bekräftigte die territoriale Integrität der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen.
Wahrheitseffekt durch Wiederholung
Die Formel „Krim war schon immer russisch" wird seit über einem Jahrzehnt in russischen Staatsmedien und von pro-russischen Stimmen wiederholt, bis die schlichte Behauptung glaubwürdiger wirkt als die tatsächlich verschlungene Geschichte mit Krim-Khanat, wechselnden Zugehörigkeiten und der 1954 gezogenen Republikgrenze. Auch die Zahl von angeblich 97 Prozent Zustimmung wird meist ohne den Kontext der russischen Militärbesetzung und der fehlenden internationalen Beobachtung zitiert, wodurch allein die häufige Wiederholung der Zahl ihr einen Anschein von Beleg verleiht, den sie inhaltlich nie hatte. So verdeckt die eingängige Kurzformel die eigentliche, unbequemere Frage nach der Rechtmäßigkeit des Verfahrens.
Der Wahrheitseffekt beschreibt, dass wiederholt gehörte Aussagen als wahrer eingeschätzt werden als neue, unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt. Verantwortlich dafür ist vermutlich die kognitive Verarbeitungsflüssigkeit, mit der eine vertraute Aussage verarbeitet wird und die unbewusst als Hinweis auf Wahrheit gedeutet wird. Der Effekt tritt auch bei Falschmeldungen, Verschwörungserzählungen und Aussagen auf, die dem eigenen Vorwissen widersprechen. Bereits die zweite Wiederholung einer Aussage bringt den größten Zuwachs an gefühlter Glaubwürdigkeit, weitere Wiederholungen wirken schwächer nach.
Beleg zu diesem Mechanismus:
- The effects of repetition frequency on the illusory truth effect (Cognitive Research: Principles and Implications, PMC (Hassan & Barber, 2021), 2021)
- The illusory truth effect: A review of how repetition increases belief in misinformation (Current Opinion in Psychology, PubMed (Udry & Barber, 2024), 2024)