Der Begriff "Systemmedien" unterstellt, alle etablierten deutschen Medien, von öffentlich-rechtlichen Sendern über die Boulevardpresse bis zu linksliberalen Wochenzeitungen, gehörten einem einzigen, koordiniert gesteuerten System an. Das deutsche Medienrecht verfolgt das Gegenteil: Die Medienkonzentrationskontrolle soll ausdrücklich "eine Vielfalt von unabhängigen Anbietern von Medieninhalten" sichern und verhindern, dass Einzelne einen "bestimmenden Einfluss" auf viele Medienangebote gewinnen, unter anderem über feste Zuschaueranteilsgrenzen. Zeitungsverlage, Sender und Onlinemedien gehören unterschiedlichen, oft konkurrierenden Eigentümern. Besonders unpassend ist das Wort "gleichgeschaltet": Es stammt aus der NS-Zeit, in der ab 1933 eine "Gleichschaltung der Presse und der Zeitungsverlage" erzwungen wurde. Propagandaminister Goebbels erklärte offen sein Ziel, die Presse so zu organisieren, dass sie für die Regierung "ein Klavier" sei, auf dem diese spielen könne, umgesetzt unter anderem mit dem Schriftleitergesetz von 1933/34. Gerade gegen eine Wiederholung dieser erzwungenen Einheitlichkeit wurden Pressefreiheit und die heutige Konzentrationskontrolle aufgebaut. Der Kampfbegriff kehrt so ein Symbol echter Gleichschaltung gegen jenes System, das davor schützen soll.
Eigengruppenbevorzugung (soziale Identitaetstheorie)
"Systemmedien" fasst dutzende Verlage, Sender und Redaktionen mit unterschiedlichen Eigentümern, Chefredaktionen und politischen Linien zu einer einzigen, homogenen Fremdgruppe zusammen, der die eigene, angeblich wahrhaftigere Gruppe gegenübersteht. Reale Unterschiede und sogar scharfe gegenseitige Kritik zwischen den Häusern werden dabei ausgeblendet, weil schon die pauschale Zuordnung zum "System" für eine Abwertung genügt. Diese Vereinfachung macht jede einzelne kritische Berichterstattung leicht wegzuwischen, ohne sie inhaltlich zu prüfen, und stärkt zugleich den Zusammenhalt der eigenen Gruppe gegen ein vermeintlich geschlossenes Gegenüber.
Nach der sozialen Identitaetstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen Menschen einen Teil ihres Selbstwertgefuehls aus der Zugehoerigkeit zu Gruppen. Schon die blosse Einteilung in eine Eigengruppe und eine Fremdgruppe reicht aus, damit Mitglieder die eigene Gruppe bevorzugen und positiver bewerten, auch wenn die Gruppenzugehoerigkeit voellig willkuerlich zustande kam. Tajfels Experimente mit dem sogenannten Minimal-Group-Paradigma zeigten, dass Versuchspersonen ihrer Eigengruppe selbst dann mehr Punkte zuteilten, wenn dies der eigenen Gruppe insgesamt schadete, solange der Abstand zur Fremdgruppe dadurch groesser wurde. Dieser Mechanismus macht Aussagen, die die eigene Gruppe aufwerten oder eine Fremdgruppe abwerten, besonders leicht annehmbar, unabhaengig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Beleg zu diesem Mechanismus: