Der weitaus größte Teil der Geflüchteten weltweit lebt nicht in Deutschland, sondern in ärmeren Nachbarländern der Krisenregionen, etwa in der Türkei, im Iran, in Kolumbien oder Uganda. Deutschland nimmt im EU-Vergleich zwar viele Menschen auf, gemessen an der Bevölkerung liegen aber mehrere Länder höher. Nach UN-Angaben beherbergen Entwicklungsländer die Mehrheit der Flüchtlinge. Von einer alleinigen deutschen Last kann daher keine Rede sein.
Kollektiver Narzissmus
Die Parole zeichnet Deutschland als einzigartig aufopferungsvoll, das 'die ganze Welt' allein trägt, obwohl laut UN-Zahlen tatsächlich ärmere Nachbarländer der Krisenregionen die meisten Geflüchteten aufnehmen. Diese Selbstüberhöhung als übermäßig belasteter, aber angeblich nicht ausreichend gewürdigter Sonderfall ist kennzeichnend für kollektiven Narzissmus, der besonders empfindlich auf ausbleibende Anerkennung reagiert.
Kollektiver Narzissmus, ein Konzept der Sozialpsychologin Agnieszka Golec de Zavala, beschreibt eine emotionale Investition in die unrealistische Ueberzeugung, die eigene Gruppe sei aussergewoehnlich und verdiene besondere Anerkennung, die ihr von aussen jedoch verweigert wird. Anders als ein gesundes, stabiles Gruppenselbstwertgefuehl geht kollektiver Narzissmus mit staendiger Wachsamkeit gegenueber vermeintlichen Kraenkungen und Bedrohungen der Gruppe einher. Empirisch sagt kollektiver Narzissmus, nicht aber individueller Narzissmus, Aggression gegenueber Fremdgruppen voraus, vermittelt ueber wahrgenommene Bedrohung von aussen und wahrgenommene Beleidigung der Eigengruppe. Dadurch werden selbst kleinere Kritik oder ausbleibende Anerkennung leicht als feindlicher Angriff gedeutet, was die Bereitschaft erhoeht, kompromisslose oder aggressive Erklaerungen und Reaktionen zu akzeptieren.