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Parole

Deutschland braucht eine millionenfache Remigration, auch für Menschen mit deutschem Pass

Fakt

„Remigration“ bezeichnet im Sprachgebrauch der Neuen Rechten und Teilen der AfD nicht nur die Abschiebung ausreisepflichtiger Personen, sondern laut dem beim Potsdamer Treffen im November 2023 vorgestellten Konzept des Rechtsextremisten Martin Sellner auch die Rückführung „nicht assimilierter“ deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund, unterschieden nach einer angeblichen „ethnokulturellen Identität“ statt nach Aufenthaltsstatus. Verfassungsrechtlich ist das nicht umsetzbar: Artikel 16 Absatz 1 Grundgesetz verbietet die Entziehung der deutschen Staatsangehörigkeit; ein Verlust ist nur auf Grund eines Gesetzes und, gegen den Willen der betroffenen Person, nur dann möglich, wenn diese dadurch nicht staatenlos wird. Das Bundesverwaltungsgericht bewertete Sellners „Remigrationskonzept“ in seinem Urteil vom Juni 2025 ausdrücklich als menschenwürdewidrig, weil es deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund zu Staatsbürgern zweiter Klasse mache. An dem von Correctiv aufgedeckten Treffen nahmen unter anderem die AfD-Bundestagsabgeordnete Gerrit Huy, der sachsen-anhaltische Fraktionschef Ulrich Siegmund und Roland Hartwig teil, damals persönlicher Referent von Parteichefin Alice Weidel. Die AfD-Parteiführung erklärte danach, die dort vorgestellten Pläne seien keine Parteiposition.

Psychologischer Hintergrund

Statusbedrohung

Die Forderung nach Remigration verspricht, einen als bedrohlich empfundenen demografischen und kulturellen Wandel rückgängig zu machen, indem sie Zugehörigkeit zur Eigengruppe nicht über Staatsbürgerschaft, sondern über Herkunft und Kultur definiert. Wer den eigenen gesellschaftlichen Status durch wachsende Vielfalt gefährdet sieht, findet darin einen klar benannten Verantwortlichen und eine ebenso klare, wenn auch verfassungswidrige, Lösung. Gerade weil das Konzept laut Bundesverwaltungsgericht explizit auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund einschließt, macht es Herkunft statt Rechtsstatus zum entscheidenden Statusmerkmal und spricht damit die Angst vor Statusverlust besonders direkt an.

Statusbedrohung beschreibt die Furcht traditionell bevorzugter gesellschaftlicher Gruppen, ihre relative Position in der sozialen Hierarchie zu verlieren. Diese Angst entsteht nicht zwingend durch eigene wirtschaftliche Not, sondern durch die Wahrnehmung, dass frühere Vorrechte durch demografischen Wandel, wachsende Vielfalt oder einen Bedeutungsverlust der eigenen Gruppe schwinden. Wer sich im eigenen Status bedroht fühlt, ist empfänglicher für politische Botschaften, die diesen vermeintlichen Abstieg klar benennen und einer Gruppe zuschreiben. In Studien erwies sich dieser Effekt bei entsprechendem Wahlverhalten als stärker denn rein ökonomische Erklärungen.