Der Vorwurf, deutsche Medien betrieben nur höfische Lobhudelei für die jeweilige Regierung, widerspricht der dokumentierten Geschichte kritischer Regierungsberichterstattung. Schon 1962 löste ein SPIEGEL-Artikel über die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr die Spiegel-Affäre aus: Nach Razzia und Verhaftungen wegen angeblichen Landesverrats traten im November 1962 fünf FDP-Minister aus Protest zurück, Verteidigungsminister Strauß musste sein Amt aufgeben. Die Affäre gilt seither als Meilenstein auf dem Weg zu einer Presse, die sich als kritisches Gegenüber des Staates versteht, nicht als dessen Sprachrohr. Auch später blieb Regierungshandeln nicht ungeprüft: Recherchen zu verdeckten Parteispenden der CDU/CSU-FDP-Bundesregierung unter Helmut Kohl führten 1999 zu einem einstimmig eingesetzten Bundestags-Untersuchungsausschuss, der prüfte, ob Regierungsentscheidungen gegen Geld beeinflusst worden waren. International bestätigt sich das Bild struktureller Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen führt Deutschland 2026 auf Platz 14 von rund 180 Staaten, bei zufriedenstellender Lage trotz wachsenden Drucks auf Journalisten. Ein Mediensystem, das Regierungen derart offen in Frage stellt, betreibt keine pauschale Hofberichterstattung.
Verfügbarkeitsheuristik
Kurze, viral geteilte Ausschnitte aus Pressekonferenzen oder Interviews, in denen eine Frage besonders sanft ausfällt, bleiben leicht im Gedächtnis und werden in einschlägigen Kreisen ständig neu geteilt. Aufwendige, aber weniger plakative investigative Recherchen wie Untersuchungsausschüsse oder historische Fälle wie die Spiegel-Affäre sind dagegen schwerer abrufbar, weil sie seltener in kurzen Clips kursieren. Aus dieser ungleichen Verfügbarkeit einzelner Momente entsteht der Eindruck einer durchgängig unterwürfigen Presse, obwohl kritische Berichterstattung tatsächlich regelmäßig stattfindet und teils gravierende Folgen hat.
Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt die Tendenz, die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach einzuschätzen, wie leicht einem passende Beispiele dafür einfallen. Ereignisse, die emotional einprägsam, kürzlich erlebt oder medial präsent sind, wirken dadurch häufiger oder wahrscheinlicher, als sie tatsächlich sind. Der Mechanismus wurde von den Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben und zählt zu den grundlegenden kognitiven Heuristiken, mit denen Menschen unter Unsicherheit schnelle Urteile fällen. Da seltene, aber auffällige Ereignisse leichter abrufbar sind als häufige, aber unauffällige, führt die Heuristik systematisch zu Fehleinschätzungen von Risiken.
Beleg zu diesem Mechanismus: