Der Begriff verbindet zwei Pole, die sich historisch und politikwissenschaftlich ausschließen: Faschismus wird durchgängig als rechtsextreme, ultranationalistische Bewegung eingeordnet, mit Führerprinzip, Einparteiendiktatur und der Aufhebung von Presse- und Bürgerrechten als Kernmerkmalen, wie sie der italienische Faschismus unter Mussolini vorprägte. "Linksfaschismus" ist damit ein Widerspruch in sich, ein politischer Kampfbegriff, keine anerkannte wissenschaftliche Kategorie. Auf ein Magazin wie den SPIEGEL trifft weder das Rechtsextreme noch das Totalitäre zu: Mehrheitlich, mit 50,5 Prozent, gehört der Verlag über die Spiegel-Mitarbeiter KG den eigenen Beschäftigten, die übrigen Anteile liegen bei der Augstein-Erbengemeinschaft und der RM Hamburg Holding von Gruner + Jahr, keiner Partei und keinem Staat. Die Delegitimierung als "linksfaschistisch" trifft zudem gerade jene Partei, deren Landesverbände in mehreren Bundesländern nach gerichtlich bestätigter Prüfung durch die Verfassungsschutzämter als gesichert rechtsextremistisch gelten und die das Bundesamt für Verfassungsschutz 2025 auch bundesweit so einstufte, wenn ein Gericht diese höhere Einstufung im Februar 2026 auch vorläufig bis zur Hauptsacheentscheidung gestoppt hat. Kritische Berichterstattung über einen real dokumentierten Befund als "linksfaschistisch" zu brandmarken, kehrt den Vorwurf damit gegen die berichtende Quelle um, statt ihn inhaltlich zu widerlegen.
Motiviertes Schlussfolgern
Der Vorwurf gegen den Spiegel schützt die eigene politische Identität, indem er den Spieß umdreht: Statt sich mit einer real dokumentierten, gerichtlich mehrfach bestätigten Rechtsaußen-Positionierung der eigenen Partei auseinanderzusetzen, wird ausgerechnet der Vorwurf der Delegitimierung gegen das berichtende Medium gewendet. Diese Umkehrung erspart die inhaltliche Prüfung einzelner Artikel und schützt zugleich vor der unbequemen Erkenntnis, dass die kritisierte Berichterstattung auf überprüfbaren Fakten beruht, nicht auf politischer Verfolgung.
Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.