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Parole

Der Kalergi-Plan ist die geheime Blaupause für den Austausch der Europäer

Fakt

Die Erzählung behauptet, ein einzelner Publizist habe vor hundert Jahren einen geheimen Plan zum Austausch der europäischen Bevölkerung entworfen, der seither umgesetzt werde. Sie folgt damit dem Bauplan älterer antisemitischer Erzählungen: eine im Verborgenen wirkende Macht, ein Dokument als angeblicher Beweis, ein Volk als Opfer. Wie solche Erzählungen aufgebaut sind, ist am Antisemitismus gut dokumentiert. Wie eine tatsächlich staatlich betriebene Bevölkerungspolitik nach Abstammung aussieht, steht dagegen im Wortlaut der Nürnberger Gesetze von 1935: als veröffentlichtes Gesetz mit Behörden und Vollzug, nicht als Geheimplan. Auch das Muster dahinter ist beschrieben: eine kleine, im Verborgenen wirkende Gruppe, ein angebliches Schlüsseldokument, ein bedrohtes Volk. Diese Bausteine sind aus älteren antisemitischen Erzählungen bekannt und treten regelmäßig in einer Verkleidung auf, die sich als Elitenkritik gibt.

Psychologischer Hintergrund

Proportionalitätsfehlschluss

Ein tiefgreifender demografischer Wandel in ganz Europa wird als so folgenschwer empfunden, dass nüchterne, vielschichtige Erklärungen wie individuelle Migrationsentscheidungen, Arbeitsmarktbedarf oder unterschiedliche Geburtenraten als unzureichend erscheinen. Stattdessen werden Schriften des Publizisten Richard Coudenhove-Kalergi aus den 1920er Jahren zu einem angeblichen Geheimplan umgedeutet, weil das vermutete Ausmaß der Folgen nach einer ebenso großen, absichtsvollen Ursache verlangt statt nach vielen kleinen, unspektakulären Gründen.

Der Proportionalitätsfehlschluss beschreibt die intuitive Annahme, dass folgenschwere Ereignisse auch entsprechend große, bedeutsame Ursachen haben müssen. Eine banale oder zufällige Erklärung wird bei einem historisch einschneidenden Ereignis als unbefriedigend empfunden, selbst wenn sie zutreffend ist. Studien zeigen, dass Menschen eine Verschwörungserklärung eher akzeptieren, wenn die Folgen eines Ereignisses gravierend waren, etwa bei einem tödlich verlaufenen statt einem gescheiterten Attentat. Dahinter steht unter anderem das Bedürfnis, Kontrolle und Sinnhaftigkeit in einer komplexen Welt zu bewahren.