Der ehrliche schaffende Handwerker wird vom raffenden internationalen Finanzkapital ausgesaugt
Die Gegenüberstellung von schaffendem und raffendem Kapital ist eine strukturell antisemitische Denkfigur, die schon die Nationalsozialisten nutzten, um das böse Finanzkapital mit Juden gleichzusetzen. Kapital an sich ist weder gut noch böse, und die Finanzwirtschaft erfüllt reale Funktionen wie Kredit und Investition. Kritik an Finanzmärkten ist legitim, wird hier aber in ein antisemitisches Freund-Feind-Bild gepresst. Die Formel lenkt von den sachlichen Ursachen wirtschaftlicher Ungleichheit ab. Diese Gegenüberstellung gehört zu den bekannten Codes, mit denen antisemitische Feindbilder weitergereicht werden, ohne sie auszusprechen, und sie tritt oft als vermeintliche Kritik an Eliten auf.
Suendenbock-Mechanismus unter relativer Deprivation
Die Gegenüberstellung von ehrlichem, schaffendem Handwerker und raffendem, internationalem Finanzkapital, eine Unterscheidung, die im Nationalsozialismus gezielt propagiert wurde, verschiebt die Frustration über reale wirtschaftliche Unsicherheit von komplexen strukturellen Ursachen wie Kreditmärkten, Globalisierung oder Steuerpolitik auf ein codiertes, historisch antisemitisches Feindbild. Dieses Muster tritt klassischerweise in Phasen wirtschaftlicher Verunsicherung auf, wenn eine schwer greifbare Ursache durch eine benannte, angreifbare Gruppe ersetzt wird.
Relative Deprivation bezeichnet das Gefuehl, im Vergleich zu einer Referenzgruppe oder zu den eigenen Erwartungen benachteiligt zu sein, unabhaengig von der tatsaechlichen materiellen Lage. Dieses Gefuehl erzeugt Frustration, die sich nach der Theorie der Suendenbocksuche nicht gegen die eigentliche, oft zu maechtige oder zu diffuse Ursache richtet, sondern auf ein schwaecheres, greifbares Ziel verschoben wird. Historisch und empirisch zeigt sich dieses Muster besonders in Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit, wenn eine erkennbar andere und wenig durchsetzungsfaehige Gruppe fuer Probleme verantwortlich gemacht wird, die tatsaechlich strukturelle oder komplexe Ursachen haben. Die Schuldzuweisung schuetzt dabei das eigene Selbstbild, weil Rueckschlaege extern statt in der eigenen Verantwortung verortet werden.