Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am 14. Oktober 2025 bei einem Antrittsbesuch in Brandenburg, man habe bei der Migration Fortschritte gemacht, aber es gebe 'natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem', weshalb der Bundesinnenminister weiter in großem Umfang Rückführungen ermögliche. Auf Nachfragen konkretisierte er die Aussage acht Tage später in London: Gemeint seien Migranten ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit, die sich nicht an geltende Regeln hielten, und er verband dies mit der Behauptung, viele Menschen trauten sich deshalb nicht mehr, sich frei im öffentlichen Raum zu bewegen. Kritik kam auch aus der eigenen Partei: Der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, wandte ein, Probleme wie Drogensucht oder Jugendgewalt ließen sich nicht einfach 'abschieben', SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf nannte die Aussage 'schwer erträglich', und in mehreren Städten protestierten Tausende unter Slogans wie 'Wir sind das Stadtbild'. Das subjektive Sicherheitsgefühl korreliert dabei nachweislich schlecht mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung: Die Polizeiliche Kriminalstatistik des BKA registrierte 2024 mit 5.837.445 Straftaten 1,7 Prozent weniger als 2023, aber 7,4 Prozent mehr als im letzten Jahr vor der Pandemie 2019, während unabhängige kriminologische Forschung zeigt, dass deutlich mehr Menschen Angst vor Kriminalität haben, als es tatsächlich Opfer gibt. Die Parole vermischt zudem zwei verschiedene Dinge: Sichtbare Vielfalt wie neue Geschäfte, andere Kleidung oder fremde Sprachen auf der Straße ist etwas anderes als die reale Sicherheitslage, die sich an Fallzahlen bemisst und nicht am äußeren Erscheinungsbild einer Stadt.
Verfügbarkeitsheuristik
Auffällige Einzelbeobachtungen im öffentlichen Raum, etwa an einem Bahnhof oder auf einem Platz, bleiben im Gedächtnis viel griffiger haften als abstrakte Jahresstatistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik. Nach der Verfügbarkeitsheuristik von Tversky und Kahneman schätzen Menschen die Häufigkeit eines Ereignisses danach ein, wie leicht ihnen passende Beispiele einfallen, nicht danach, wie oft es tatsächlich vorkommt. Sichtbar anderes Straßenbild wie neue Geschäfte, andere Kleidung oder fremde Sprachen liefert dafür besonders leicht abrufbare, emotional aufgeladene Beispiele und wird so unabhängig von der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung als Bedrohung gedeutet. Merz' Bezug auf das 'Stadtbild' erklärt genau diesen diffusen Eindruck zum politischen Maßstab, statt sich auf die tatsächlichen PKS-Zahlen zu stützen.
Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt die Tendenz, die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach einzuschätzen, wie leicht einem passende Beispiele dafür einfallen. Ereignisse, die emotional einprägsam, kürzlich erlebt oder medial präsent sind, wirken dadurch häufiger oder wahrscheinlicher, als sie tatsächlich sind. Der Mechanismus wurde von den Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben und zählt zu den grundlegenden kognitiven Heuristiken, mit denen Menschen unter Unsicherheit schnelle Urteile fällen. Da seltene, aber auffällige Ereignisse leichter abrufbar sind als häufige, aber unauffällige, führt die Heuristik systematisch zu Fehleinschätzungen von Risiken.
Beleg zu diesem Mechanismus: