Die offiziellen Kriminalstatistiken zeichnen ein anderes Bild als die Erzählung von Apokalypsezonen. Die Gewaltkriminalität in den USA ging 2023 gegenüber dem Vorjahr zurück, auch in vielen Großstädten. Kriminalität ist lokal unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, nicht allein von der Parteizugehörigkeit einer Stadtregierung. Die Darstellung ganzer Städte als rechtsfreie Kriegsgebiete ist stark übertrieben. Gezählt wird das auch außerhalb der Polizeibehörden: Ein überparteilicher Think Tank wertet 13 Deliktarten in einer Auswahl US-Großstädte monatlich aus und kommt zu dem Ergebnis, dass die Tötungsrate voraussichtlich auf dem niedrigsten Stand seit mindestens 1900 liegt, mit einem Rückgang, der seit der zweiten Hälfte 2022 anhält. Das ist das Gegenteil einer Entwicklung zu rechtsfreien Zonen.
Verfügbarkeitsheuristik
Einzelne dramatische Raub- oder Gewaltvideos aus Großstädten bleiben emotional besonders einprägsam und werden in sozialen Medien immer wieder geteilt, wodurch Verbrechen in der Erinnerung präsenter wirkt, als es die Statistik hergibt. Laut Faktentext liegt die Tötungsrate in US-Großstädten voraussichtlich auf dem niedrigsten Stand seit mindestens 1900, was der gefühlten Häufigkeit auffälliger Einzelfälle widerspricht.
Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt die Tendenz, die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach einzuschätzen, wie leicht einem passende Beispiele dafür einfallen. Ereignisse, die emotional einprägsam, kürzlich erlebt oder medial präsent sind, wirken dadurch häufiger oder wahrscheinlicher, als sie tatsächlich sind. Der Mechanismus wurde von den Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben und zählt zu den grundlegenden kognitiven Heuristiken, mit denen Menschen unter Unsicherheit schnelle Urteile fällen. Da seltene, aber auffällige Ereignisse leichter abrufbar sind als häufige, aber unauffällige, führt die Heuristik systematisch zu Fehleinschätzungen von Risiken.
Beleg zu diesem Mechanismus: