In Lebensmitteln steckt kein menschliches Gewebe. Den Kern der Geschichte bildet eine Laborzelllinie: HEK-293 wurde 1973 aus embryonalem Nierengewebe angelegt und wird seither immer weiter vermehrt, ohne dass dafür neues Gewebe nötig wäre. Aromahersteller lassen solche Zellen im Labor menschliche Geschmacksrezeptoren ausbilden und messen daran, wie stark ein Kandidat für einen Süßstoff anspricht. Das Patent auf dieses Verfahren beschreibt genau das, ein Testsystem in der Zellkultur. Die Zellen sind Messinstrument, nicht Zutat, und erscheinen in keiner Zusammensetzung eines Produkts.
Negativitätsverzerrung
Die Vorstellung, im eigenen Essen befänden sich Zellen abgetriebener Babys, löst starken Ekel und moralisches Entsetzen aus, Reaktionen, die weit stärker haften bleiben als die nüchterne technische Erklärung einer Laborzelllinie zur Geschmacksmessung. Genau diese negative emotionale Wucht sorgt dafür, dass die Behauptung sich leichter verbreitet als ihre komplexere, aber zutreffende Auflösung.
Die Negativitätsverzerrung beschreibt die Tendenz, negativen Informationen, Ereignissen und Erfahrungen mehr Gewicht zu geben als positiven von vergleichbarer Intensität. Negative Reize werden schneller wahrgenommen, stärker beachtet und länger erinnert als positive, dieser Effekt zeigt sich bereits im Säuglingsalter. Er gilt als evolutionär erklärbar, weil das rechtzeitige Erkennen von Gefahren überlebenswichtiger war als das Erkennen positiver Gelegenheiten. In der Nachrichtennutzung führt die Verzerrung dazu, dass bedrohliche oder alarmierende Meldungen besonders viel Aufmerksamkeit und gefühlte Glaubwürdigkeit erhalten.
Beleg zu diesem Mechanismus:
- Not All Emotions Are Created Equal: The Negativity Bias in Social-Emotional Development (Psychological Bulletin, via PMC (National Library of Medicine), 2008)
- Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), via PMC, 2019)