Das Wort, an dem die Erzählung hängt, ist „heimlich“, und es trifft nicht zu. Die Stiftungen veröffentlichen Budgetübersichten und eine Datenbank ihrer Förderungen, wer wissen will, wohin das Geld geht, kann es nachlesen. Offene Förderung von Projekten zu Menschenrechten, Bildung und Justiz ist das Gegenteil einer verdeckten Steuerung. Entscheidungen in der EU fallen zudem in Gremien aus gewählten Regierungen und Abgeordneten, nicht bei Geldgebern. Die Figur des reichen Juden, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist keine Beobachtung, sondern ein jahrhundertealtes Muster mit neuem Namen.
Suendenbock-Mechanismus unter relativer Deprivation
Statt die komplexen, vielschichtigen Ursachen von Migration oder EU-Entscheidungen zu benennen, wird die Verantwortung auf eine einzelne, namentlich greifbare Person verschoben, ein klassisches Muster der Schuldverschiebung von diffusen strukturellen Ursachen auf ein handhabbares Ziel. Wie im Faktencheck selbst angemerkt, greift die Erzählung dabei auf das jahrhundertealte Bild des im Hintergrund fädenziehenden reichen Juden zurück, das gerade in Zeiten wahrgenommener eigener Benachteiligung besonders wirkungsvoll ist.
Relative Deprivation bezeichnet das Gefuehl, im Vergleich zu einer Referenzgruppe oder zu den eigenen Erwartungen benachteiligt zu sein, unabhaengig von der tatsaechlichen materiellen Lage. Dieses Gefuehl erzeugt Frustration, die sich nach der Theorie der Suendenbocksuche nicht gegen die eigentliche, oft zu maechtige oder zu diffuse Ursache richtet, sondern auf ein schwaecheres, greifbares Ziel verschoben wird. Historisch und empirisch zeigt sich dieses Muster besonders in Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit, wenn eine erkennbar andere und wenig durchsetzungsfaehige Gruppe fuer Probleme verantwortlich gemacht wird, die tatsaechlich strukturelle oder komplexe Ursachen haben. Die Schuldzuweisung schuetzt dabei das eigene Selbstbild, weil Rueckschlaege extern statt in der eigenen Verantwortung verortet werden.