Für eine Bezahlung einzelner Demonstrierender fürs Demonstrieren gibt es keine Belege: Die als angebliche Beweise kursierenden Antifa-Ausweise oder Quittungen sind nachweislich Scherzartikel oder Fälschungen. Der Mythos geht auf einen 2015 im Satireteil der taz erschienenen Artikel über ein fiktives „Demogeld für Antifas" zurück, den der Autor selbst ausdrücklich als Satire bestätigt hat. Bei den Großdemonstrationen gegen Rechtsextremismus seit Januar 2024 lebte das Gerücht erneut auf: Das Forschungsprojekt GADMO, das unter anderem mit dpa, AFP und Correctiv zusammenarbeitet, dokumentierte, dass eine im Handel erhältliche Antifa-Scherzkarte als vermeintlicher Beleg für Bezahlung diente. Real existiert mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!" des zuständigen Bundesministeriums ein transparentes Förderprogramm, das seit 2015 zivilgesellschaftliche Vereine und Bildungsarbeit gegen Extremismus finanziert. Gefördert werden dabei Organisationen und Projekte, nicht die Teilnahme Einzelner an einer Demonstration.
Proportionalitätsfehlschluss
Hunderttausende Teilnehmende bei einer einzigen Demonstration wirken wie eine Wirkung, die eine ebenso grosse, gezielte Ursache braucht; eine echte, spontane Mehrheitsmeinung erscheint dafuer gefuehlt zu klein. Bezahlung liefert eine Erklaerung in der passenden Groessenordnung und erlaubt zugleich, die unbequeme Schlussfolgerung abzuwehren, mit der eigenen Position gesellschaftlich in der Minderheit zu sein.
Der Proportionalitätsfehlschluss beschreibt die intuitive Annahme, dass folgenschwere Ereignisse auch entsprechend große, bedeutsame Ursachen haben müssen. Eine banale oder zufällige Erklärung wird bei einem historisch einschneidenden Ereignis als unbefriedigend empfunden, selbst wenn sie zutreffend ist. Studien zeigen, dass Menschen eine Verschwörungserklärung eher akzeptieren, wenn die Folgen eines Ereignisses gravierend waren, etwa bei einem tödlich verlaufenen statt einem gescheiterten Attentat. Dahinter steht unter anderem das Bedürfnis, Kontrolle und Sinnhaftigkeit in einer komplexen Welt zu bewahren.