Stammtischbingo
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Parole

Früher war alles besser und sicherer als heute

Fakt

Viele objektive Kennzahlen sind heute besser als in früheren Jahrzehnten, darunter Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Wohlstand und medizinische Versorgung. Bei der Kriminalität ist die Antwort differenzierter, und das gehört dazu: Eine Auswertung von Polizeistatistiken und Opferbefragungen für Westeuropa von 1988 bis 2007 findet keinen allgemeinen Rückgang. Eigentums- und Tötungsdelikte gingen seit Mitte der 1990er Jahre zurück, registrierte Gewalt- und Drogendelikte nahmen im selben Zeitraum zu; als Gründe nennen die Autoren unter anderem verändertes Freizeitverhalten Jugendlicher, Demografie und Alkoholkonsum. Wer sich bei Gewalt unsicherer fühlt als früher, hat dafür also Anhaltspunkte. Der Satz, früher sei ALLES besser gewesen, hält trotzdem nicht: Beim verlässlichsten Maßstab, den Tötungsdelikten, sowie bei Lebenserwartung und Wohlstand steht die Gegenwart deutlich besser da, und Nostalgie blendet Belastungen wie schlechtere Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung aus.

Psychologischer Hintergrund

Negativitätsverzerrung

Wer die Gegenwart mit früheren Jahrzehnten vergleicht, gewichtet einzelne negative Eindrücke der Gegenwart, etwa das Gefühl wachsender Gewalt, oft stärker als die im Faktencheck belegten großen positiven Entwicklungen bei Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und Wohlstand. So entsteht der pauschale Eindruck, früher sei alles besser gewesen, obwohl selbst bei der Kriminalität laut Faktencheck nur ein gemischtes Bild vorliegt, mit sinkenden Tötungs- und Eigentumsdelikten seit den 1990er Jahren neben gestiegenen Gewalt- und Drogendelikten.

Die Negativitätsverzerrung beschreibt die Tendenz, negativen Informationen, Ereignissen und Erfahrungen mehr Gewicht zu geben als positiven von vergleichbarer Intensität. Negative Reize werden schneller wahrgenommen, stärker beachtet und länger erinnert als positive, dieser Effekt zeigt sich bereits im Säuglingsalter. Er gilt als evolutionär erklärbar, weil das rechtzeitige Erkennen von Gefahren überlebenswichtiger war als das Erkennen positiver Gelegenheiten. In der Nachrichtennutzung führt die Verzerrung dazu, dass bedrohliche oder alarmierende Meldungen besonders viel Aufmerksamkeit und gefühlte Glaubwürdigkeit erhalten.