Adrenochrom ist chemisch gut beschrieben: Es entsteht, wenn Adrenalin oxidiert, ist instabil und hat keine verjüngende Wirkung. Für einen Handel damit, für entführte Kinder als Quelle oder für eine Elite, die es konsumiert, gibt es keinen Beleg. Die Erzählung ist auch nicht neu: Sie greift die Ritualmordlegende auf, mit der Juden seit dem Mittelalter beschuldigt wurden, Kinder zu töten und ihr Blut zu verwenden. Wer den Vorwurf heute wiederholt, übernimmt dessen Bauplan, ob absichtlich oder nicht.
Negativitätsverzerrung
Kaum ein Vorwurf ist emotional so aufgeladen wie der, Kinder würden für ihr Blut entführt und getötet, diese extreme Bedrohung der Schwächsten erzeugt maximale Aufmerksamkeit und wird kaum kritisch hinterfragt. Die schiere Abscheulichkeit der Behauptung verleiht ihr eine gefühlte Dringlichkeit und Glaubwürdigkeit, gegen die sachliche Argumente wie die Chemie von Adrenochrom kaum ankommen.
Die Negativitätsverzerrung beschreibt die Tendenz, negativen Informationen, Ereignissen und Erfahrungen mehr Gewicht zu geben als positiven von vergleichbarer Intensität. Negative Reize werden schneller wahrgenommen, stärker beachtet und länger erinnert als positive, dieser Effekt zeigt sich bereits im Säuglingsalter. Er gilt als evolutionär erklärbar, weil das rechtzeitige Erkennen von Gefahren überlebenswichtiger war als das Erkennen positiver Gelegenheiten. In der Nachrichtennutzung führt die Verzerrung dazu, dass bedrohliche oder alarmierende Meldungen besonders viel Aufmerksamkeit und gefühlte Glaubwürdigkeit erhalten.
Beleg zu diesem Mechanismus:
- Not All Emotions Are Created Equal: The Negativity Bias in Social-Emotional Development (Psychological Bulletin, via PMC (National Library of Medicine), 2008)
- Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), via PMC, 2019)