Wie Kondensstreifen entstehen, ist erforscht und beschrieben. Das DLR-Institut für Physik der Atmosphäre untersucht sie seit Jahren: Rußpartikel aus dem Triebwerk wirken als Kondensationskeime, die unterkühlten Wassertröpfchen gefrieren sofort zu Eiskristallen. Ob ein Streifen schnell verschwindet oder stundenlang stehen bleibt, hängt an Flughöhe, Temperatur und Feuchte der Luft, nicht an seiner Ladung. Die Zusammensetzung der Atmosphäre wird zudem seit 1958 durchgehend gemessen, unter anderem auf dem Mauna Loa, und diese Reihen werden weltweit ausgewertet. Ein heimliches Sprühprogramm über Jahrzehnte müsste in solchen Messungen auftauchen. Die Behauptung selbst ist zudem direkt geprüft worden. Für eine Untersuchung in Environmental Research Letters wurden zwei Fachgruppen befragt: Atmosphärenchemiker mit Schwerpunkt Kondensstreifen und Geochemiker, die atmosphärische Ablagerungen erforschen. 76 der 77 Befragten, also 98,7 Prozent, gaben an, ihnen sei nie ein Hinweis auf ein solches Programm begegnet, und die als Beweis angeführten Daten ließen sich mit bekannter Physik und Chemie erklären. Die Autoren halten dazu ausdrücklich fest, sie wollten niemanden umstimmen, der bereits überzeugt sei, sondern eine nachprüfbare Grundlage schaffen. Genau darum geht es hier auch.
Illusorische Musterwahrnehmung (Apophänie)
Ob ein Kondensstreifen schnell verblasst oder lange stehen bleibt, hängt allein von Flughöhe und Luftfeuchte ab, wird von Anhängern der Theorie aber als absichtsvolles Muster gedeutet, das normale von angeblich chemisch beladenen Flügen unterscheiden soll. Aus rein physikalisch bedingten Unterschieden am Himmel wird so ein vermeintlicher Code für ein geheimes Programm konstruiert.
Menschen neigen dazu, in zufälligen oder unzusammenhängenden Informationen bedeutungsvolle Muster und Zusammenhänge zu erkennen, auch wenn keine existieren. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz, wenn Menschen das Gefühl von Kontrolle über ihre Lebenssituation verlieren. Kontrollverlust erhöht nachweislich die Neigung, Bilder in Zufallsrauschen zu sehen, Verschwörungen zu vermuten oder Aberglauben zu entwickeln. Der Mechanismus dient dabei offenbar dazu, ein Gefühl von Ordnung und Vorhersagbarkeit wiederherzustellen.