Die UN-Menschenrechtsmission hat die Tötungen einzeln erfasst, nicht bloß beschrieben. In 102 Orten der Regionen Kyjiw, Tschernihiw und Sumy, die zwischen dem 24. Februar und dem 6. April 2022 unter russischer Kontrolle standen, dokumentierte sie 441 getötete Zivilisten, allein für Butscha 73 Fälle. Ihr Bericht nennt starke Hinweise darauf, dass die festgestellten Hinrichtungen das Kriegsverbrechen der vorsätzlichen Tötung erfüllen. Unabhängig davon prüfte eine von OSZE-Staaten eingesetzte Expertenmission den anschließenden Zeitraum und stellte ebenfalls Kriegsverbrechen fest. Eine Inszenierung hinterlässt keine namentlich erfassten Opfer und keine gerichtsmedizinischen Befunde.
Motiviertes Schlussfolgern
Die minutiöse, fallbezogene Dokumentation der UN-Menschenrechtsmission, die allein für die Kyjiwer, Tschernihiwer und Sumyer Region 441 getötete Zivilisten identifizierte, darunter die Opfer von Butscha, widerspricht direkt dem Bild eines nicht kriminellen russischen Vorgehens, das für pro-russisch eingestellte Personen identitätsstiftend ist. Um dieses Weltbild nicht aufgeben zu müssen, wird die gesamte Beweislage verworfen und durch die Behauptung ersetzt, die Opfer seien Schauspieler.
Menschen bewerten Informationen und Belege nicht rein sachlich, sondern auch danach, ob eine Schlussfolgerung die Zugehörigkeit zu einer wichtigen sozialen, politischen oder kulturellen Gruppe bestätigt oder bedroht. Widerspricht eine Tatsache den Überzeugungen der eigenen Gruppe, werden Belege eher angezweifelt, uminterpretiert oder abgewertet, und zwar auch von Personen mit hoher analytischer Fähigkeit. Dieses als motiviertes Schlussfolgern oder identitätsschützende Kognition bezeichnete Muster bedeutet, dass Denken nicht primär der Wahrheitsfindung dient, sondern dem Erhalt der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Besonders ausgeprägt zeigt sich der Effekt bei Themen, die stark mit politischer oder kultureller Identität verknüpft sind.