Deutschland ist als größte EU-Volkswirtschaft ein bedeutender Nettozahler in den EU-Haushalt, profitiert aber zugleich stark vom Binnenmarkt und offenen Handelswegen. Die Nettobeiträge liegen bei einem kleinen Teil der Wirtschaftsleistung, nicht bei einer Verschleuderung ins Uferlose. Entwicklungs- und EU-Mittel sind an Zwecke und Kontrollen gebunden. Das Bild vom ausgenommenen Zahlmeister blendet den wirtschaftlichen Nutzen der Mitgliedschaft aus.
Kollektiver Narzissmus
Die Formel vom Zahlmeister der Welt stilisiert Deutschland zum übermäßig großzügigen Geber, dessen Leistung von anderen angeblich nicht angemessen gewürdigt wird. Diese Kränkungserzählung blendet aus, dass Deutschland laut Faktencheck zugleich stark vom EU-Binnenmarkt profitiert und die Nettobeiträge nur einen kleinen Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen, sie lebt von der Vorstellung eines außergewöhnlichen, aber unterschätzten Eigenbeitrags.
Kollektiver Narzissmus, ein Konzept der Sozialpsychologin Agnieszka Golec de Zavala, beschreibt eine emotionale Investition in die unrealistische Ueberzeugung, die eigene Gruppe sei aussergewoehnlich und verdiene besondere Anerkennung, die ihr von aussen jedoch verweigert wird. Anders als ein gesundes, stabiles Gruppenselbstwertgefuehl geht kollektiver Narzissmus mit staendiger Wachsamkeit gegenueber vermeintlichen Kraenkungen und Bedrohungen der Gruppe einher. Empirisch sagt kollektiver Narzissmus, nicht aber individueller Narzissmus, Aggression gegenueber Fremdgruppen voraus, vermittelt ueber wahrgenommene Bedrohung von aussen und wahrgenommene Beleidigung der Eigengruppe. Dadurch werden selbst kleinere Kritik oder ausbleibende Anerkennung leicht als feindlicher Angriff gedeutet, was die Bereitschaft erhoeht, kompromisslose oder aggressive Erklaerungen und Reaktionen zu akzeptieren.