Bürokratieaufwand ist ein reales Problem. Daraus folgt aber nicht, dass Strafverfolgung nicht funktioniert, und dafür gibt es amtliche Zahlen statt Gefühle. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2024 eine Aufklärungsquote von rund 58 Prozent aller erfassten Fälle aus, bei Tötungsdelikten über 90 Prozent. Die Strafverfolgungsstatistik des Statistischen Bundesamts zählt für 2024 etwa 632.100 rechtskräftig Verurteilte. Überlastung in einzelnen Bereichen ist nicht dasselbe wie ein handlungsunfähiger Staat.
Negativitätsverzerrung
Die eigene frustrierende Erfahrung mit Formularen und einprägsame Einzelfälle ungestrafter Kriminalität wiegen gefühlt schwerer als die nüchterne Statistik von rund 58 Prozent Aufklärungsquote in der Polizeilichen Kriminalstatistik, weil bedrohliche oder alarmierende Einzelfälle grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit erhalten als eine beruhigende Zahl.
Die Negativitätsverzerrung beschreibt die Tendenz, negativen Informationen, Ereignissen und Erfahrungen mehr Gewicht zu geben als positiven von vergleichbarer Intensität. Negative Reize werden schneller wahrgenommen, stärker beachtet und länger erinnert als positive, dieser Effekt zeigt sich bereits im Säuglingsalter. Er gilt als evolutionär erklärbar, weil das rechtzeitige Erkennen von Gefahren überlebenswichtiger war als das Erkennen positiver Gelegenheiten. In der Nachrichtennutzung führt die Verzerrung dazu, dass bedrohliche oder alarmierende Meldungen besonders viel Aufmerksamkeit und gefühlte Glaubwürdigkeit erhalten.
Beleg zu diesem Mechanismus:
- Not All Emotions Are Created Equal: The Negativity Bias in Social-Emotional Development (Psychological Bulletin, via PMC (National Library of Medicine), 2008)
- Cross-national evidence of a negativity bias in psychophysiological reactions to news (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), via PMC, 2019)