Die Unterlagen sind nicht geheim, sie liegen bei Gericht und sind einsehbar. Im Zivilverfahren Giuffre gegen Maxwell ordnete das Bundesgericht für den südlichen Bezirk von New York die Entsiegelung an, seither ist der Bestand öffentlich abrufbar. Strafrechtlich wurde der Fall ebenfalls verfolgt: Gegen Ghislaine Maxwell lief ein Verfahren vor demselben Gericht, die Akte ist öffentlich. Eine Nennung in Kontaktlisten oder Aussagen ist dabei kein Beweis für eine Straftat der genannten Person, deshalb ist eine Liste von Namen kein Ersatz für ein Verfahren.
Kompensatorisches Kontrollbedürfnis
Der reale Fall Epstein ist verstörend und in seinen Verästelungen schwer zu überblicken, was ein Gefühl von Unsicherheit erzeugt. Die Vorstellung einer geheimen, aber klar benennbaren Elite-Verschwörung ersetzt dieses diffuse Unbehagen durch eine geordnete, wenn auch falsche Erklärung, obwohl die Unterlagen im Verfahren Giuffre gegen Maxwell längst gerichtlich entsiegelt und öffentlich einsehbar sind.
Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis, ihre Umwelt als geordnet und vorhersehbar wahrzunehmen. Wird dieses Gefühl persönlicher Kontrolle erschüttert, etwa durch wirtschaftliche Unsicherheit oder gesellschaftlichen Wandel, suchen sie nach Ersatzstrukturen, um die verlorene Ordnung wiederherzustellen. Das kann durch stärkeren Glauben an mächtige Institutionen oder eine lenkende höhere Macht geschehen, aber auch durch Verschwörungserzählungen, die zumindest eine schlüssige, wenn auch falsche, Erklärung liefern. Studien zeigen, dass Kontrollverlust die Neigung verstärkt, Muster und Absichten selbst dort zu erkennen, wo objektiv keine bestehen.
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